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Überaktive Blase (Reizblase) – was ist das genau?

Als überaktive Blase (früher Reizblase, abgekürzt ÜAB oder OAB) bezeichnen Mediziner Symptome, die dazu führen, dass Betroffene überdurchschnittlich häufig und oft plötzlich auf die Toilette müssen. Manchmal tritt auch eine sogenannte Dranginkontinenz auf, bei der Betroffene den Urin nicht mehr vollständig halten können.

Inhalte

Was sind Symptome der überaktiven Blase?

Das wichtigste Symptom einer überaktiven Blase ist plötzlicher und ohne Vorwarnung auftretender Harndrang. Dieser ist so stark, dass er sich nicht unterdrücken lässt. Eilen Betroffene nicht sofort zur Toilette, drohen sie, die Kontrolle über ihre Blase zu verlieren. [1]

Zu den weiteren typischen Symptomen und Befunden einer überaktiven Blase gehören:

  • Dranginkontinenz: häufig verlieren Betroffene beim plötzlichen Harndrang einige Tropfen bis kleinere Mengen an Urin.
  • Pollakisurie: Betroffene mit überaktiver Blase suchen häufiger als achtmal am Tag die Toilette auf, scheiden aber jeweils nur geringe Mengen an Urin aus, die Gesamtmenge an Urin ist dabei im normalen Bereich.
  • Nykturie: Betroffene werden nachts durch Harndrang geweckt und müssen auf die Toilette, bevor sie weiterschlafen können.
  • Blasenhypersensitivität: Harndrang tritt bereits dann auf, wenn die Blase mit weniger als 100 ml gefüllt ist.
  • Verminderte Blasenkapazität: das Füllvolumen der Blase ist kleiner als 250 ml – normal sind 300 bis 500 ml. [2]

Die Symptome einer überaktiven Blase können mit denen einer Blasenentzündung verwechselt werden. Allerdings treten bei einer Blasenentzündung häufig auch Schmerzen beim Wasserlassen auf. Anders als die Beschwerden bei einem Infekt treten sie allerdings nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft auf. Vor der Behandlung der überaktiven Blase muss eine Blasenentzündung ausgeschlossen werden.

Betroffene leiden vor allem unter dem plötzlichen, sehr starken Harndrang. Viele vermeiden es deswegen, das Haus häufiger als nötig zu verlassen und achten darauf, dass immer eine Toilette in der Nähe ist. Das schränkt ihre Lebensqualität stark ein und kann zu Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen führen.

Welche Ursachen hat die überaktive Blase?

Die genauen Ursachen und die Entstehung einer überaktiven Blase sind noch nicht restlos erforscht. Allgemein gesagt handelt es sich um eine Blasenspeicherstörung, ohne organische Ursachen.

Wahrscheinlich gibt es eine Reihe von verschiedenen Faktoren, die eine überaktive Blase begünstigen. Einige davon finden direkt im Bereich der Harnblase und des Sphinkters, dem Verschlussmuskel für die Harnröhre, statt. Sie senden falsche oder verfrühte Informationen ans Gehirn. Dort werden diese dann verarbeitet und führen zum Harndrang. [2]

Ursachen einer ÜAB:

  • Rezeptoren in und rund um die Blase reagieren zu stark auf die Ausdehnung, wenn sich die Blase füllt. 
  • Falsch erlerntes Miktionsverhalten. Die Blase sendet verfrüht ein Signal an das Gehirn, obwohl die Blase nur teilweise gefüllt ist.
  • Eine beschädigte Harnblasenwand reagiert empfindlicher auf Reize aus dem Inneren der Harnblase
  • Die für den Harndrang zuständigen Regelkreise im Gehirn können durch Krankheiten und Veränderungen im Alter aus dem Gleichgewicht geraten

Außerdem gibt es Medikamente, die eine überaktive Blase begünstigen. Dazu gehören unter anderem  Diuretika. Hier hilft ein Gespräch mit den behandelnden Ärzten, um zu erkennen, ob Medikamente der Auslöser sind. [1]

Durch die äußerst komplex aufgebauten Regelmechanismen rund um die Blase und den Harndrang ist es schwierig, den einen Auslöser für eine überaktive Blase zu finden. Der Fokus bei der Behandlung liegt auf der Therapie der Symptome der überaktiven Blase, um Patienten ihre verlorene Lebensqualität zurückzugeben.

Wie wird eine überaktive Blase diagnostiziert?

Bei der überaktiven Blase handelt es sich um eine sogenannte Ausschlussdiagnose. Haben Sie mit Ihrem Arzt gesprochen und Ihre Beschwerden geschildert, folgt eine körperliche Untersuchung inklusive Ultraschall der Harnblase

Außerdem sollten Sie ein sogenanntes Miktionstagebuch führen. Dieses enthält Flüssigkeitsaufnahmen, Toilettengänge, Urinmenge und Urinverluste. So kann Ihr Arzt sich ein genaueres Bild von Ihren Symptomen machen. [2]

Zu den Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden wie eine überaktive Blase verursachen, gehören Infekte in der Blase und den Harnwegen, Krebserkrankungen und Tumore sowie Zysten und verschiedene neurologische Krankheiten. Erst wenn all diese Möglichkeiten ausgeschlossen und keine andere Ursache für den plötzlichen akuten Harndrang gefunden werden kann, wird eine überaktive Blase diagnostiziert. [1]

Therapie: Was kann ich gegen eine überaktive Blase tun?

Die Behandlung der überaktiven Blase erfolgt als Stufentherapie. Das heißt, Sie versuchen gemeinsam mit Ihrem Arzt zunächst, die Beschwerden mit Verhaltenstherapie und Physiotherapie in den Griff zu bekommen. Funktioniert das nicht, können Ärzte Medikamente verschreiben. Nur wenn auch das nichts oder zu wenig nützt, kommt eventuell eine Operation in Frage. [1]

Therapie bei überaktiver Blase

Die Behandlung einer überaktiven Blase umfasst in der Regel Verhaltens- und Physiotherapie: Sie führen ein Miktionstagebuch. Je detaillierter und umfassender Sie Ihre Speisen, Getränke und Toilettengänge dokumentieren, umso leichter fällt es Ihnen, Zusammenhänge zu finden. 

Zum Beispiel können scharfe Gewürze, künstliche Süßstoffe oder Getränke mit Kohlensäure die Blase reizen und zu plötzlichem Harndrang führen. Auch können bestimmte Situationen den starken Harndrang auslösen, z. B. kommt die Haustür näher, wird der Harndrang stärker. Kennen Sie Ihre Auslöser, können Sie darauf Einfluss nehmen und Ihre Beschwerden der überaktiven Blase können sich verbessern. [1]

Blasentraining

Im Rahmen des sogenannten Blasentrainings versuchen Sie, die Abstände zwischen den Toilettengängen zu verlängern. Durch verschiedene Haltetechniken lernen Sie, eine Drangwelle abzuschwächen und zur Toilette zu gehen. Die Haltetechniken unterteilen sich in mentale sowie körperliche Techniken. Sobald Sie Harndrang verspüren, wenden Sie eine erlernte Haltetechnik an, halten noch eine Weile und gehen dann kontrolliert zur Toilette. 

Ziel ist es, dass die Abstände zwischen den Toilettengängen nach und nach vergrößert werden. Wie genau die Haltetechniken funktionieren, erfahren Sie im Übungsbereich von kontina®. Die Nutzung von kontina® kann durch den Besuch bei der Physiotherapie begleitet werden.

Ihre digitale Therapie bei
überaktiver Blase:

Gibt es Medikamente bei überaktiver Blase?

Führt die Verhaltenstherapie nicht zu einer Besserung, kann die überaktive Blase mit Hilfe von Medikamenten beruhigt werden. Zum Einsatz kommen hier vor allem sogenannte Antimuskarinika und Beta-3-Agonisten. Sie hemmen die Kontraktion des Blasenmuskels  und lindern so den plötzlichen Harndrang sowie den überaktiven Blasenmuskel. 

Sie können aber auch Nebenwirkungen wie einen trockenen Mund, Verstopfung oder Sehstörungen verursachen. Je nachdem, wo genau Ihr Arzt bei Ihnen das Problem und die Ursachen sieht, kann dieser bei Personen mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen zusätzlich Östrogen verschreiben. Oft müssen Betroffene verschiedene Medikamente ausprobieren, bis sie das richtige für sich finden. [2]

Letzte Möglichkeit: Operation?

Können sowohl die Verhaltenstherapie als auch die verschiedenen Medikamente die Beschwerden durch der überaktiven Blase nicht ausreichend lindern, kommen minimalinvasive Operationen ins Spiel: [3]

  1. Das Spritzen von Botulinumtoxin (vor allem bekannt als Anti-Faltenmittel Botox) in die Blasenwand stoppt die Beschwerden durch eine überaktive Blase meistens zuverlässig, wirkt neun bis zwölf Monate und muss dann wiederholt werden.
  2. Bei der sakralen Neuromodulation mittels eines Blasenschrittmachers werden durch das Einsetzen von Elektroden die für den Harndrang zuständigen Nerven gezielt beeinflusst und die Beschwerden durch die überaktive Blase gebessert. Diese Methode wird in spezialisierten Zentren erfolgreich eingesetzt.
  3. Indem Ärzte bestimmte Bauteile wie Hyaluronsäure oder bestimmte Proteine über einen Katheter in die Blase einführen, unterstützen sie den Wiederaufbau der Blasenwand, was die Beschwerden der überaktiven Blase bei vielen Patienten verbessert.

Quellen

[1] https://www.rosenfluh.ch
[2] https://www.kup.at
[3] https://link.springer.com