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Harninkontinenz: Arten und Therapien im Überblick

Als Harninkontinenz bezeichnen Mediziner alle Erkrankungen, bei denen Betroffene unfreiwillig Urin verlieren. Umgangssprachlich wird die Inkontinenz häufig auch als Blasenschwäche bezeichnet – wenn man denn überhaupt über sie spricht.

Inhalte

Obwohl schätzungsweise etwa fünf Prozent der Bevölkerung betroffen sind, sprechen die wenigsten offen über dieses schambehaftete Thema. Dabei kann Harninkontinenz mittlerweile gut behandelt werden. [1]

Symptome der Harninkontinenz

Von Harninkontinenz spricht man, wenn Betroffene nicht mehr die vollständige Kontrolle über ihre Blase und deren Entleerung haben und unfreiwillig Urin verlieren. Dabei kommt es nicht auf die Menge an: die Diagnose ist die gleiche, egal ob Patienten nur einen Tropfen Urin verlieren oder diesen gar nicht mehr halten können. [2]

Durch plötzlichen starken Harndrang kann die Kontrolle über die Harnkontinenz verloren gehen. Dies ist aber kein zwingendes Symptom. Wenn Sie lediglich unter häufigem und starkem Harndrang leiden, deutet das auf eine überaktive Blase hin. Diese Blasenfunktionsstörung kann zusammen mit einer Harninkontinenz auftreten, muss aber nicht. [1]

Blasenschwäche vs. Harninkontinenz

Blasenschwäche ist umgangssprachlich für Harninkontinenz. Auch wenn beide Begriffe meist synonym verwendet werden, ist mit der Blasenschwäche nicht immer ein ungewollter Urinverlust gemeint. Sehr häufiger Harndrang bei dem nichts daneben geht, kann ebenfalls gemeint sein.

Welche Formen der Harninkontinenz gibt es?

Die verschiedenen Formen der Harninkontinenz unterscheiden sich, je nachdem, unter welchen Umständen der Harnverlust auftritt. Am häufigsten wird zwischen Dranginkontinenz und Belastungsinkontinenz und der Mischinkontinenz, bei der beide Formen vorliegen, unterschieden. Darüber hinaus gibt es noch einige sehr spezifische Unterformen. [2]

Belastungsinkontinenz

Bei einer Belastungsinkontinenz verlieren Betroffene immer dann Urin, wenn der Druck auf die Blase sehr groß ist, also wenn diese belastet wird. Früher wurde diese Form auch als Stressinkontinenz bezeichnet. Mittlerweile hat sich aber der Begriff Belastungsinkontinenz durchgesetzt. [2]

Beim Lachen, Husten und Niesen oder Heben schwerer Lasten, erhöht sich der Druck auf den Bauchraum und dieser verkleinert sich. Das drückt auch auf die Blase.

Im Falle einer geschwächten Beckenbodenmuskulatur oder durch einen geschädigten Schließmuskel an der Harnröhre, kann dieser den Urin nicht mehr sicher zurückhalten. Dann geht er bei Belastung in kleinen Tropfen ab und es entsteht eine Harninkontinenz. Häufig wird eine Belastungsinkontinenz durch Übergewicht begünstigt. [3]

Dranginkontinenz und das Syndrom der überaktiven Blase

Kennzeichnend für die Dranginkontinenz ist ein plötzlicher und unkontrollierbarer Harndrang. Dieser überfällt Betroffene wie aus dem Nichts und sorgt dafür, dass sie sofort eine Toilette aufsuchen müssen. Dabei wird auf dem Weg unkontrolliert tröpfchenweise Urin verloren. [2]

Die Ursachen für eine Dranginkontinenz sind vielseitig. Der Ursprung kann sowohl bei der Regulation des Harndrangs im Gehirn und den Nervenbahnen als auch direkt an der Blase sein. Heute wird häufig nur von der überaktiven Blase oder im Englischen „overactive Bladder“ (OAB) gesprochen. Nicht immer tritt Inkontinenz auf. Auch hier ist eine ausführliche Diagnostik wichtig, um die passende Behandlungsmethode zu finden. [3]

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Überlaufinkontinenz: Verlust von Urin bei voller Blase

Der Begriff der Überlaufinkontinenz ist veraltet, heute spricht man von einer Harninkontinenz bei chronischer Harnretention. Betroffene verlieren immer dann Urin, wenn ihre Blase sehr voll ist. Grund dafür kann eine blockierte Harnröhre oder eine zu schwache Blasenmuskulatur sein. Diese Art der Harninkontinenz tritt besonders häufig bei Männern auf, lässt sich aber meistens sehr gut und effektiv behandeln. [3]

Reflexinkontinenz: Harninkontinenz durch geschädigte Nervenbahnen

Die sogenannte Reflexinkontinenz (neurogene Detrusorhyperaktivität) entsteht, wenn die für die Steuerung der Blase zuständigen Nerven nicht mehr richtig arbeiten. Betroffene verlieren das Gefühl, ab wann ihre Blase voll ist oder können sie nicht mehr willkürlich steuern. Die Folge ist, dass sich die Blase ab einer bestimmten Füllung durch einen Reflex plötzlich selbständig entleert. [1]

Ursachen einer Harninkontinenz

Die Gründe und Ursachen für eine Harninkontinenz sind vielseitig. Bei der Diagnose und Behandlung durch Ärzte stehen die Ursachen im Vordergrund. Am besten lässt sich eine Harninkontinenz behandeln, indem die Ursachen für ihr Auftreten therapiert werden. [3]

Die häufigsten Ursachen für Harninkontinenz bei Frauen

Die Ursachen für Harninkontinenz bei Frauen unterscheiden sich je nach Form der Inkontinenz. Für eine Belastungsinkontinenz ist in den meisten Fällen eine zu schwach ausgeprägte Beckenbodenmuskulatur verantwortlich. Die Muskeln rund um die Harnröhre verschließen diese bei Belastungen nicht ausreichend. [3]

Die Dranginkontinenz basiert hingegen vor allem auf einer überempfindlichen bzw. überaktiven Blase. Diese kann ihren Ursprung im Gehirn haben. Dort laufen alle Signale über den Füllzustand der Blase zusammen. Gibt es hier Fehler, kann ebenso plötzlicher Harndrang mit Urinverlust entstehen, wie wenn die Nerven rund um die Blase zu viele Signale an das Gehirn senden [3]. 

Die häufigsten Ursachen für Harninkontinenz bei Männern

Männer leiden durch ihre Anatomie seltener unter einer Beckenbodenschwäche und sind daher nicht so anfällig für eine Belastungsinkontinenz wie Frauen. Oft entsteht eine Belastungsinkontinenz bei ihnen als Folge einer Operation an der Prostata. Einerseits kann es im Rahmen eines solchen Eingriffs zu Schäden an den umliegenden Nerven und dem Sphinkter, dem Schließmuskel der Blase, kommen. [3]

Andererseits entsteht durch die Entfernung der Prostata ein Hohlraum. Dieser kann dazu führen, dass die Muskeln, welche die Blase umschließenden, nicht mehr effektiv arbeiten können. Eine Strahlentherapie bei Prostatakrebs kann den Sphinkter ebenfalls schwächen und zu einer Harninkontinenz führen. [3]

Auch Männer können an einer überaktiven Blasen leiden und das genauso häufig wie Frauen. Sie sind dabei allerdings seltener von einer begleitenden Inkontinenz betroffen.

Welche Harninkontinenz-Therapien gibt es?

Die Therapie der Harninkontinenz richtet sich nach der Ursache der Blasenschwäche. Meistens ist eine so genannte multimodale Therapie notwendig, die aus mehreren Bausteinen besteht. Zu den wichtigsten gehören dabei: [3]

Beckenbodentraining bei Harninkontinenz

Beckenbodentraining ist oft das erste und einfachste Mittel bei einer Belastungsinkontinenz. Indem Betroffene lernen, ihre Beckenbodenmuskulatur gezielt anzuspannen und diese zu trainieren, stärken sie diese und stabilisieren dadurch die Harnröhre und Harnblase. Insbesondere bei Frauen mit schwachem Beckenboden ist das Beckenbodentraining meist ausreichend, um wieder unbeschwert leben zu können. [1]

Am besten wirkt Beckenbodentraining bei Belastungsinkontinenz, wenn es von qualifizierten Fachkräften angeleitet wird. Häufig sind das Physiotherapeuten. Besonders wirkungsvoll ist auch das Erlernen der Übungen mit Hilfe einer Elektrotherapie oder Biofeedback. Richtig angewendet, hilft diese Therapie etwa 70 Prozent der Betroffenen mit einer Belastungsinkontinenz. [3]

Bei der Behandlung der Dranginkontinenz wird auch mit der Beckenbodenmuskulatur gearbeitet. Aber nicht in Form eines klassischen Beckenbodentrainings, sondern für eine Haltetechnik. 

Durch eine Haltetechniken wird die akute Harndrangwelle abgeschwächt und der ruhige Gang zur Toilette geschult. Die Abstände zwischen den Toilettengängen werden verlängert. Haltetechniken nutzen unter anderem die gezielte Beckenbodenan- und entspannung. Dazu ist das Wahrnehmen und bewusste An- und Entspannen der Beckenbodenmuskulatur eine wichtige Voraussetzung. 

Im Übungsbereich von kontina® lernen Sie Ihren Beckenboden wahrzunehmen und dann in Haltetechniken zu nutzen.

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Blasentraining

Blasentraining kommt bei der überaktiven Blase und einer daraus resultierenden Dranginkontinenz zum Einsatz. Ziel ist es, die Abstände zwischen den Toilettengängen zu verlängern. Die Blase lernt, erst bei einem normalen Füllstand Reize zu senden, dass die Toilette aufgesucht werden muss. Die Abstände zwischen den Toilettengängen werden mittels Haltetechniken verlängert. 

Medikamentöse Behandlung von Harninkontinenz

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Medikamenten zur Behandlung der verschiedenen Formen von Harninkontinenz. Die meisten Betroffenen sprechen gut auf die jeweiligen Mittel an, die aber auch mit Nebenwirkungen verbunden sein können. Besonders wirksam sind Stoffe, die bei einer überaktiven Blase die Kontraktion des Blasenmuskels  dämpfen. Bei Frauen kommen zudem häufig Östrogenpräparate zum Einsatz. Außerdem gibt es Medikamente, die den Sphinkter stimulieren, damit dieser besser dicht hält. [3]

Operative Behandlung bei Harninkontinenz

Operative Eingriffe führen bei einer Belastungsinkontinenz häufig zum Erfolg, wenn das Beckenbodentraining nicht ausreichend geholfen hat. Hier gibt es zahlreiche verschiedene Techniken und Möglichkeiten bis hin zu einem künstlichen Schließmuskel. Bei einer überaktiven Blase kann ein Blasenschrittmacher implantiert werden. [3]

Quellen

[1] Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich, http://kontinenzgesellschaft.at
[2] Deutsche Kontinenz Gesellschaft, https://www.kontinenz-gesellschaft.de 
[3] Michel, M. S., Thüroff, J. W., Janetschek, G., & Wirth, M. (Eds.). (2016). Die Urologie. Springer-Verlag.